von Fredy Künzler
Vor ein paar Tagen erhielt ich
Post von Cablecom. Nein, keines dieser Werbeschreiben, die bloss den Altpapierstapel höher machen (bei Cablecom hat man wohl mittlerweile gemerkt, dass ich resistent bin gegen Digital TV). Unterzeichnet hat den Brief Kurt Walser, Dr. oec. HSG, Leiter Public Affairs cablecom. Public Affairs? Jawohl, das ist die Lobbying-Abteilung des grössten Cable-Internet Providers der Schweiz. Der Brief ging nicht nur an mich, sondern an eine Reihe weiterer Leute, doch davon später mehr.
Am 24. August 2009 reichte in meiner Funktion als Parlamentarier der Stadt Winterthur die Interpellation
"Glasfasernetz der Stadtwerk (Winterthur)" ein, zusammen mit zwei MitinterpellantInnen und 37 MitunterzeichnerInnen (total also 40 von 60 Ratsmitgliedern). Darin frage ich den Stadtrat (die Exekutive) unter anderem an, wie er die Stimmberechtigten in die Diskussion über ein flächendeckendes Glasfasernetz einbeziehen wolle (der in der Interpellation genannte
Artikel des Landboten). Die Winterthurerinnen und Winterthurer sollen nicht in ein paar Jahren neidvoll nach St. Gallen blicken. Dort nämlich hat das Stimmvolk
einen Kredit über CHF 78 Mio für ein flächendeckendes Glasfasernetz mit grossem Mehr
bewilligt. Die St. Galler Strategen holten in der Folge Swisscom ins Boot und handelten eine Kooperation aus, die den geplanten Ausbau noch massiv beschleunigt. In nur 5 Jahren,
also bereits 2014 oder 2015 hat St. Gallen ein flächendeckendes Glasfasernetz und praktisch die ganze Bevölkerung kann richtig fette FTTH-Anschlüsse abonnieren. Adieu popeliges ADSL! Adieu überlastetes Cable-Internet! Meine nicht repräsentative Umfrage vor einiger Zeit hier zeigte, dass
67% der Leserschaft symmetrische Anschlüsse bevorzugen würde, könnte man sie technisch realisieren und würden sie nicht aus Marketingüberlegungen künstlich begrenzt.
Meine Interpellation soll mithelfen, dass man in Winterthur die Entwicklung nicht verschläft. Doch genau dies wäre eigentlich das Ansinnen des Kurt Walser, Leiter Public Affairs cablecom. Sein Brief an mich sowie die FraktionspräsidentInnen und weitere Personen des Grossen Gemeinderats ist im wesentlichen eine Schlaftablette. Cablecom hat offenbar in Winterthur und weiteren Ortschaften mit dem Rollout des Cable-Internet Standards
DOCSIS 3.0 begonnen. DOCSIS 3.0 ermöglicht viel schnellere Bandbreiten als herkömmliches Cable-Internet (und ADSL / VDSL), hat aber einen signifikanten Nachteil: es bleibt ein shared Medium (man teilt die Bandbreite mit hunderten von Nachbarn, je nach Zellengrösse) und der Upload-Speed bleibt, naja, bescheiden. Dass Cablecom die neuen DOCSIS 3.0 Anschlüsse als "Fiber Power" deklariert, ist natürlich ein Etikettenschwindel. Denn auch das Produkt "Fiber Power Internet 100" von Cablecom kommt per Coaxial-Kabel in die gute Stube (siehe die dem Brief beiliegenden
Slides von Cablecom).
Cablecom versucht gezielt, involvierte GemeinderätInnen davon zu überzeugen, dass ein flächendeckendes Glasfasernetz der Stadtbevölkerung nicht viel bringe, weil ja bereits alternative Breitbandtechnologien vorhanden seien. In Tat und Wahrheit will Cablecom aber eine allfällige Konkurrenz von Anfang an abzuwürgen. Bekanntlich ist das bessere der Feind des guten, und Fibre-to-the-home ist einem gesharten DOCSIS 3.0 Anschluss massiv überlegen. State-of-the-Art Technologie von heute ist morgen veraltet, und St. Gallen (Zürich, Basel, Genf ...) hat morgen einen signifikanten Standortvorteil, wenn man in Winterthur nichts tut.
Lieber Herr Walser: Danke für den Brief. Es ist nett, dass ich auf Ihrem Radar aufgetaucht bin. Doch meine Interpellation ist noch kein Kreditantrag und es wird auch nicht im Rat darüber abgestimmt. Statt den netten, verklausulierten Sätzen schreiben Sie doch künftig besser:
Liebe Gemeinderätin, lieber Gemeinderat,
Bitte lehnen Sie ein flächendeckendes Glasfasernetz der Stadtwerk ab. Deren Anschlüsse konkurrieren unsere Produkte und Dienstleistungen massiv, und das finden wir nicht cool. Ihre Treue zu Cablecom schätzen wir sehr. Als Dankeschön möchten wir Ihnen eines der folgenden Produkte aus unserer Palette kostenlos zur Verfügung stellen (bitte kreuzen Sie das gewünschte Produkt an):
[ ] Digital TV
[ ] Fiber Power 100
[ ] Premium Support Telefonnummer mit garantiertem SLA für ihr bestehendes Cablecom Produkt
Mit freundlichen Grüssen,
Kurt Walser, Dr. oec HSG, Public Affairs cablecom