von Fredy Künzler
Interessanter Artikel im Tages-Anzeiger von gestern:
Schweizer Elektrizitätswerke planen eine landesweite Datenautobahn". 11 regionale und lokale Energieversorger haben sich im Verband
OpenAXS zusammengeschlossen, um ein "Gegengewicht" zu Swisscom zu bilden:
Die Elektrizitätswerke wollen verhindern, dass die Swisscom sich zur Alleinherrscherin auf dem Glasfasernetz aufschwingen kann. Deshalb haben sie mit Franz Stampfli einen erfahrenen Telekommunikationsspezialisten an die Spitze des Verbandes Openaxs gewählt. [...]
Stampfli, ex-Alcatel-Chef in der Schweiz, soll dem seit längerer Zeit vor sich hin dümpelnden OpenAXS Verband neuen Schwung verleihen. Doch dieses Unterfangen kommt vermutlich der Quadratur des Kreises ziemlich nahe. Stampfli:
«Dabei wurde mir klar, dass das Glasfasernetz gesamtschweizerisch verbunden sein muss. Nur so kann es kostengünstig betrieben werden. Ein Flickenteppich genügt nicht»
Doch genau so ein Flickenteppich sind die einzelnen Städitschen Glasfasernetze, die sich ja im Allgemeinen im Besitz der politischen Gemeinden befinden. Nur schon dieser Umstand macht die Agilität der Energieversorger zunichte, und dieser träge Haufen dann noch mit dem Apparat OpenAXS koordinieren zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Ein paar Beispiele: St. Gallen nimmt neben Zürich eine
Vorreiter-Rolle ein, hat die Volksabstimmung zum Ausbau des Glasfasernetzes bereits hinter sich, und man setzt auf Layer-2 FTTH mit aktiven
und notabene teuren - wen wunderts - Alcatel Komponenten. [Update / Korrektur: ewz Zürinet basiert auf Alcatel-Hardware, sgsw St.Gallen verwendet Ericsson-Komponenten.] In Bern braucht es keine Volksabstimmung, die
ewb kann selbständig fuhrwerken.
Winterthur liegt zurück, die vom
zuständigen Stadtrat angekündigte Abstimmung im 2010 ist mittlerweile gestorben, es liegt noch nicht einmal eine Weisung zu handen des Stadtparlaments vor. In
Basel favorisiert man ein Layer-1 FTTH und will den Serviceprovidern den Betrieb der des notwendigen Equipments überlassen, indem man bloss unbeleuchtete Glasfasern bis zum Endkunden anbietet.
Zürichs ewz hingegen setzt wiederum auf Layer-2 FTTH und hat bereits ca. 8000 Haushalte erschlossen, die sogenannte "Take-Rate", also die Zahl der aktiven Anschlüsse ist jedoch verschwindend gering und dümpelt bei 5%, die sich zudem auf nicht weniger
als 12 Serviceprovider verteilen. Und zu allem OpenAXS-Elend ist ewz nicht mal Mitglied im Verband.
Ausserdem ist man sich im OpenAXS Verband überhaupt nicht einig, wie die Produkte respektive die Port-Bandbreiten koordiniert werden sollen. St.Gallen hat ein 30mbps/30mbps Profil implementiert, während in Zürich man künstlich "kastrierte" asymmetrische Profile wie 10mbps/2mbps vorherrschen und die interessanten symmetrischen Profile für Heimanwender gar nicht zahlbar sind. Dies nur unter der Prämisse, die existierenden hochpreisigen Business-Anschlüsse nicht zu kanibalisieren, die Kehrseite ist jedoch, dass sich kaum jemand für FTTH interessiert, denn die Differenzierung zu herkömmliche ADSL-, VDSL- oder Cable-Anschlüssen ist marginal.
Ein weiterer Aspekt sind die unterschiedlichen Vorstellungen der Preisgestaltung für unbeleuchtete Glasfasern. Preise von (vernünftigen) 90 Rappen pro Meter und Jahr für ein Darkfibre-Paar bis zu (wucherpreisigen) 15 Franken für die selbe Leistung sind an der Tagesordnung - je nachdem in welcher Stadt man als Kunde eine Glasfaser einkaufen möchte.
Wie viel einfacher hat es da Swisscom: auch wenn das einstige PTT-Denken noch nicht ganz überwunden ist, hat man doch klare Vorstellungen über Produkte, Services und Optionen. Es gibt ein national einheitliches Produkt, eine straffe Umsetzung und vorhandene Provisionierungs-Systeme. Das ist um ein vielfaches zielführender als der Flickenteppich der Werke.
Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Ansätze für die Energieversorger: entweder a) ein reines Layer-1 FTTH ab den Ortszentralen, wo Swisscom und alle anderen Serviceprovider ihr eigenes Equipment betreiben, und die Fibre zum Haushalt in einem System à la TAL-Kupferleitung zur Verfügung gestellt wird; oder b) ein richtiges Layer-3 FTTH, wo der Energieversorger als lokaler Internet Service Provider am Markt auftritt. Für b) spricht insbesondere, dass der lokale Stromversorger bereits eine Beziehung mit dem Endkunden hat, und gegen eine weitere Zeile "Internet Access" auf der Stromrechnung spricht eigentlich nichts. Dieses Modell funktioniert in Deutschland und Österreich übrigens bestens.
Das von den meisten OpenAXS-Mitgliedern favorisierte Layer-2 FTTH mit aktiven Komponenten ist bereits scheintot, bevor es überhaupt richtig zum Leben erwachte. Zumindest im Hinblick auf die wahrlich nicht berauschenden Take-Rates bei ewz Zürinet müsste man zu diesem Schluss kommen. Fakt ist: Layer-2 FTTH macht Fibre-to-the-home bloss teuer und unflexibel und damit nicht konkurrenzfähig zu VDSL, ADSL 2+ und mit DOCSIS 3.0 Cable-Internet.