von Fredy Künzler
Dieser Tage erhielten die Schweizer Provider Post von der
Schweizerischen Kriminalprävention SKPPSC, unterzeichnet vom SKPPSC Geschäftsleiter Martin Boess, Dr. Andrea Burgener Woeffray, der Präsidentin des Kinderschutz Schweiz und SP-Nationalrätin
Dr. Ruth-Gaby Vermont-Mangold, Vorstandsmitglied des Kinderschutz Schweiz. Titel des Briefs: "Freiwillige Blockierung von kommerziellen Kinderpornographie-Websites durch Schweizer Internet Service Provider - Kampagne "Stopp Kinderpornographie im Internet!".
Man weist im Brief auf die Kampagne
www.stopp-kinderpornografie.ch hin. Diese wurde letztes Jahr durch die Schweizerische Kriminalprävention SKPPSC lanciert. Die SKPPSC ist die nationale Fachstelle für Kriminalprävention der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD). Ein kompliziertes Vehikel - das die Schwächen der Gesetzgebung flicken soll - denn die Strafverfolgung bei Fällen von Kinderpornografie obliegt den Kantonen, was bei einem globalen Medium wie Internet eigentlich ein Witz ist.
Weiter beteiligt sind der
Kinderschutz Schweiz, eine weitere nationale Fachstelle gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern (
ECPAT), die ihrerseits Mitglied bei
ECPAT International ist.
Zu guter Letzt ist die
KOBIK involviert, die Koordinationsstelle für Internet Kriminalität.
Im Brief fodert man die Schweizer Internet Service Provider auf, Kinderpornografie Websites für den Zugriff der Kunden zu sperren. Die KOBIK hat eine Liste mit 1100 URLs kinderpornografischen Inhalts, die auf
www.stopp-kinderpornografie.ch/blocking umzuleiten wären. Freiwillig, versteht sich.
Doch die Kampagne ist zu kurz gedacht.
1. wie soll ein Serviceprovider überhaupt blocken? Das haben Boess, Burgener Woeffray und Vermont-Mangold kaum bedacht. Nehmen wir an, die Kobik sendet uns die URLs der Kipo-Websites zu. Und jetzt? Ein Zwangsproxy gibt es nicht, eine zentrale Firewall auch nicht.
Fake-DNS Einträge funktionieren bekanntlich ebenfalls nur sehr beschränkt. Die einzige Möglichkeit, die mir spontan einfällt, um den Zugang zu den 1100 URLs zu blockieren, wäre ein BGP4 Sperr-Feed der KOBIK, der via Route-Map auf die
Aufklärungsseite umgeleitet würde. Doch auch diese Möglichkeit hat gewichtige Nachteile:
- der Serviceprovider müsste schon sehr viel Vertrauen in die KOBIK haben und massive externe Eingriffe in die Operations des Backbone zulassen (immerhin das Herz jedes ISP)
- der Kollateralschaden wäre gross: nehmen wir an, auf der IP Adresse 1.2.3.4 sei ein einschlägiges Kinderporno-Angebot gehostet, aber auch die Firmenwebsite der unbescholtenen Firma XY - letztere wäre dann plötzlich auch nicht mehr zugänglich. Und viele Websites teilen sich bekanntlich
eine einzige IP Adresse (sogeanntes
Name-Based Hosting - wird von RIPE so vorgeschrieben)
2. der Update der URL Liste ist nicht klar - die Kipo-URLs wechseln nämlich viel schneller, als den Behörden lieb ist. Ich wage mal die Behauptung, dass von den 1100 URLs bereits 20% veraltet sind. Es müsste also praktisch täglich eine neue Sperrliste eingespielt werden - was natürlich nur mit einem von KOBIK administrierten BGP4 Sperr-Feed vernünftig möglich wäre. Doch müsste auch hier der De-Blockierungsprozess schnell und unbürokratisch möglich sein, falls nichts strafbares auf dem Server ist.
3. die Administration der 1100 URLs durch Serviceprovider ist ein Ding der Unmöglichkeit - ich werde jedenfalls von unseren Systemadministratoren nicht verlangen, Schweinekram auf dem Netz auf Unbedenklichkeit zu prüfen, auch wenn das
FDP-Ständerat Rolf Schweiger in einem Wahlkampf-Schnellschuss fordert.
4. ist die Rechtslage bei weitem nicht klar. Wo ist die Grenze zwischen Kinderschutz und Zensur? Soll ein ISP, der Datenpakete von A nach B transportiert, wirklich Zensurbehörde sein? Von der Post respektive dem Briefträger wird schliesslich auch nicht verlangt, die ausgetragenen Briefe auf moralische Unbedenklichkeit zu prüfen.
5. Warum bloss wird ein gesellschaftliches Problem auf die Serviceprovider abgeschoben? Politiker und Ethiker sollen sich diesem Problem mal richtig annehmen, und nicht einfach die schwächste Stelle der "Nahrungskette" abwürgen, wohlverstanden dadurch, indem man Kosten auf die ISP überwälzt und technisch nicht umsetzbare Dinge fordert, auch, weil grad Wahlkampf ist oder wieder mal ein politischer Erfolg notwendig scheint.
Vermutlich kommt schon bald ein findiger Mitbewerber auf die Idee, die 1100 URLs als Marketing-Gag auszunutzen ("Lieber Kunde, mit uns können sie und ihre Kinder unbesorgt surfen, weil wir Kinderporno-Websites sperren") ... oder auch die Retourkutsche ("Lieber Kunde, unser Netzwerk ist frei von Zensur, wir erlauben den Zugriff auf alle Server - weltweit").
Die Sache könnte zur Posse auf Kosten der ausgebeuteten Kinder werden. Eine solche gabs bereits in der Schweizer Internet-Geschichte: Der
kläglich gescheiterte Versuch einer Waadtländer Untersuchungsrichterin, unliebsame Websites zu sperren.
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